Poesie des Scheiterns

Dieses Stück geht schief ist die Erfindung der englischen Theatergruppe Mischief Theatre. Das Stück steht in einer sehr englischen Tradition der Selbstironie im Theater. Schon Shakespeare schrieb so.
Bilder fallen von den Wänden, Dinge fangen Feuer, der Bühnenboden bricht ein und der ohnehin nicht ganz vertrauenswürdige Aufzug fährt in die falsche Richtung. Dass die Schauspieler:innen ihre Texte richtig oder im richtigen Moment sagen ist eher die Ausnahme als die Regel: Dieses Stück geht schief ist ein grosses Spektakel des Scheiterns.

Die Urheber von Mischief Theatre haben sich für ihre irre Bühnenkatastrophe von dem Buch The Art of Coarse Acting des englischen Komikers Michael Green inspirieren lassen. „Coarse Acting“ bedeutet so viel wie „grobes“ oder einfach „schlechtes“ Spiel. Green beschreibt den „coarse actor“, den schlechten Schauspieler, als einen, der zwar seinen Text kann, ihn aber nicht immer in der richtigen Reihenfolge spricht. Als einen, der nicht davor zurückschreckt, seinen Kolleg:innen mit grosser Geste alle Aufmerksamkeit zu nehmen, mit dem Ziel allerdings, früh im Stück zu sterben, damit er den Rest des Abends in der Kneipe verbringen kann, wo er sich dann mit seinen Bühnenheldentaten brüstet. Michael Green, der sich selbst für einen ziemlich schlechten Schauspieler hält, steht, gewollt oder nicht, in der Tradition von Shakespeare. Die Handwerker im Sommernachtstraum sind nichts anderes als „coarse actors“ avant la lettre. Und doch sind sie ein Höhepunkt des Stücks.

Im Kern geht es bei der „Kunst des schlechten Spiels“ also um den Einbruch des Realen in die Welt der Fiktion. Gute Schauspieler:innen sind in der Lage, die Grenze zwischen Fiktion und Realität zu einem Übergang werden zu lassen, einer Zone, in der wir unseren Augen trauen, obwohl wir wissen, dass ihnen nicht zu trauen ist. Gute Schauspieler:innen kennen sich in diesem Niemandsland zwischen Traum und Wirklichkeit so gut aus, dass wir ihnen zu folgen bereit sind. Der „coarse actor“ ist dort selbst nur zu Gast, jedes Mal wie zum ersten Mal und es gelingt ihm dabei nicht, die Realität ganz zu verlassen – im Gegenteil, je mehr er sich bemüht, desto eher holt sie ihn ein. Bis etwas, ach was, bis alles schief geht auf Schloss Haversham.

Wenn es klappt, sehen wir das passieren, was wir im Leben und im Theater eigentlich zu vermeiden versuchen: das Scheitern. Und wenn es gut klappt, das heisst: wenn es schön schiefgeht, sehen wir vielleicht sogar so etwas wie die Poesie des Scheiterns. Der Strich, der auf einem Blatt Papier einen misslungenen Satz auslöscht, ist auch ein Ornament. Oscar Wilde, der ein Stück wie Dieses Stück geht schief wahrscheinlich gemocht hätte, sagte einmal, er kenne den Wert von Erfolgen und von Misserfolgen: „Und ich weiss, dass das Scheitern wichtiger ist. Die höchste Aufgabe des Künstlers ist es, die Schönheit des Scheiterns sichtbar zu machen.“

So kann man in dem Stück, das schiefgeht, einfach eine Komödie sehen und – falls es nicht ganz gescheitert ist – über den Slapstick, die Überraschungen und all die Unbeholfenheiten auf der Bühne lachen. Gleichzeitig erlaubt dieses schiefgehende Stück aber vielleicht auch einen tiefgehenden Blick in eine sehr menschliche Realität: Dass wir ständig an unseren eigenen Ansprüchen scheitern und dass uns dieses Scheitern stärker miteinander verbindet, als es das Gelingen könnte.